Fjodor Kokoschkin, emeritierter Professor der Biologie, reist im Jahr 2005 mit dem Luxusliner Queen Mary 2 von Southampton nach New York. Er kehrt in die USA zurück, wo er seit den dreißiger Jahren zu Hause ist. Jeder Tag auf See ist ein Kapitel ungewöhnlicher Gesellschaftserfahrung – von den Tischgesprächen bis zu den diversen Veranstaltungen an Bord.
In Rückblicken passieren die Orte seiner Vergangenheit Revue: St. Petersburg, die Stadt seiner Kindheit, wo die Bolschewiken 1918 seinen Vater ermordet haben. Odessa, wohin seine Mutter mit ihm geflohen ist. Das Berlin der frühen zwanziger Jahre, wo Kokoschkin mit seiner Mutter in einer Pension lebt, bis er eine Freistelle im Joachimsthalschen Gymnasium in Templin erhält. Das Berlin Anfang der dreißiger Jahre, als Kokoschkin Arbeit im Botanischen Garten findet und eine Freundin gewinnt. In Berlin beginnt er das Biologiestudium. Als die Nazis sich breitmachen, flieht er nach Prag und erlangt 1934 dank der Vermittlung durch die amerikanische Botschaft ein Stipendium in den USA ...
Schädlichs Roman Kokoschkins Reise ruft die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts mit ihren Verfolgungen, Schicksalen und Emigrationen wach, dargestellt im charakteristischen Stil des Autors, der auf der Einfachheit des Vollkommenen beharrt.
Hans Joachim Schädlich
Geboren am 08.10.1935 in Reichenbach (Vogtland), studierte Hans Joachim Schädlich Gemanistik in Berlin und Leipzig und promovierte mit einer Arbeit über "Die Phonologie des Ostvogtländischen" (1966). Von 1959 bis 1976 war er an der Ostberliner Akademie der Wissenschaften tätig, anschließend als freier Übersetzer.
In der DDR nicht veröffentlicht und als Unterzeichner der Biermann-Resolution attackiert, konnte Schädlich im Dezember 1976 ausreisen. 1988 Literaturpreis für Kurzprosa, Hamburg, Thomas-Dehler-Preis 1989, 1992 Johannes-Bobrowski-Medaille Berlin und Heinrich-Böll-Preis Köln. 1988 Brüder-Grimm-Gastprofessur an der GHS Kassel. Mitglied der Dt. Akademie für Sprache und Dichtkunst.
Der Band "Versuchte Nähe" versammelt 25 Geschichten aus dem «mittleren Land», die zwischen 1969 und 1977 entstanden sind. In diesen Prosaskizzen entschlüsselt Schädlich das Alltagsleben in der DDR - die Rituale der Macht wie den Stil der offiziellen Berichterstattung, den Opportunismus der Kleinbürger wie die Frustrationen der Jugendlichen. Schädlich hat die Entfremdung als Folge von Sachzwängen der modernen Industriegesellschaft in der DDR und dann auch in der Bundesrepublik schmerzlich erfahren.
In "Der Sprachabschneider"' lässt er die Sprache als humansten Lebensausdruck selbst zum Gegenstand einer Geschichte für Kinder und Erwachsenen werden.
"Tallhover" reflektiert die Geschichte der politischen Polizei in Deutschland von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts und endet mit einer bizarren Pointe: Der Protagonist wirft sich schließlich selbst vor, nicht intensiv genug an der Vervollkommnung polizeilicher Überwachungsmaßnahmen gearbeitet zu haben, und verurteilt sich selbst zum Tode.
Letzte Buchveröffentlichungen u.a.: Anders (2003), Vorbei (2007), Kokoschkins Reise (2010).
Begrüßung: Beate Scherzer
Eintritt: 8,- Euro / erm. 6,- Euro
Eine Veranstaltung der Buchhandlung Proust, des Schreibheft, Zeitschrift für Literatur und des Museum Folkwang, Essen.
Wir danken der Alfred und Cläre Pott-Stiftung für ihre freundliche Unterstützung!
Foto: Rowohlt Verlag